Lisa - Sondenernährung oder Das Elend mit der Strippe im Gesicht
Bericht der Eltern
Einleitung
Als Lisa geboren wurde war sie zu früh, sehr zart, sehr klein und sehr krank.
Die ersten drei Monate ihres Lebens verbrachte sie im Krankenhaus. Doch als sie
endlich nach Hause durfte ging es ihr eigentlich ganz gut.
1. Es fing recht harmlos an
Lisa hatte sobald es ihr besser ging gut getrunken und sie hätte noch viel mehr
getrunken, aber wegen ihres Herzfehlers hatte sie eine Einfuhrbeschränkung. Sie
durfte nur eine begrenzte Menge an Flüssigkeit zu sich nehmen, ansonsten würden
Herz und Lunge zu sehr belastet. Im Krankenhaus hatte sie nicht so richtig zugenommen,
aber zu Hause klappte es gut. Im Alter von vier Monaten jedoch trank sie ihre Flasche
nicht mehr ganz aus. Sie nuckelte und nuckelte und ließ immer öfter immer mehr übrig.
Es machte auch keinen Unterschied welche Nahrung sie bekam. Vom Löffel zu essen lehnte
sie vehement ab, sie schrie sich blau bei den Versuchen. Als dann noch ein Harnwegsinfekt
dazu kam und der gute Rat der Ärztin, dem Kind viel zu trinken zu geben, erschien eine
Ernährungssonde als logischer, rettender Ausweg.
2. Flasche und Sonde
Zu jeder Mahlzeit bekam sie nun erst die Flasche und was sie nicht trank, bekam sie
anschließend sondiert. So bekamen wir den Harnwegsinfekt ganz gut in den Griff und
sie war bald wieder gesund. Das Essen jedoch wurde nicht wieder besser. Auch die
Idee ihr viele kleine Mahlzeiten zu geben hatte keinen Erfolg. Es schien als habe
sie im Alter von sechs Monaten vergessen, wie das geht, aus der Flasche zu trinken.
3. Nein, nicht essen und bitte nicht ernähren
Als sie etwa neun Monate alt war ging es ihr längst nicht mehr so gut und mit einem
Jahr verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand rapide. Sie wurde voll sondiert, bekam
zehn kleine Mahlzeiten, erbrach aber trotzdem sehr viel wieder. An selbstständiges Essen war
gar nicht zu denken, sie ekelte sich aufs heftigste davor. Außer ihrem Schnuller nahm sie
gar nichts mehr in den Mund. Sie hatte in den letzten Monaten nur wenig zugenommen und ihre
Entwicklung war zum Stillstand gekommen. Sie war auf dem Entwicklungsstand eines etwa vier
Monate alten Kindes.
4. Was hat ihr Kind da ?
Nach einer notfallmäßigen, schweren Herzoperation kurz nach ihrem Geburtstag bekrabbelte
sie sich so langsam wieder. Auch in ihrer Entwicklung zeigten sich kleine aber stetige
Fortschritte. Keinerlei Fortschritte gab es in Bezug aufs Essen. Hatte sie nach der OP
einige Löffel Nahrung akzeptiert, so war nun, zu Hause nicht mehr daran zu denken. Auch
die Vorstellung eine Mahlzeit am Stück zu sondieren war utopisch, denn dann kam alles
auch wieder am Stück zurück. Sie bekam den ganzen Tag über immer und immer wieder etwas
sondiert, zu Hause, auf der Straße, im Auto, beim einkaufen. Dabei war es ihr ganz egal,
ob es Obst, Gemüse oder Brei war; Hauptsache flüssig und Hauptsache wenig. Trotzdem nahm
sie recht gut zu. Die Sonde in ihrem Gesicht war ihr absolut vertraut und sie hat sie
sich nicht einmal rausgezogen. Ein ganzes Jahr lang war sie in Logopädischer Behandlung
gewesen, mit dem Erfolg, daß ich ihr die Zähne putzen durfte und sie jedesmal ganz brav
die Zahnpasta runterschluckte.
5. Ich will nicht groß werden
Als Lisa 1 ¾ Jahre alt war, erfolgte die nächste Herzoperation. Wieder wurde sie in ihrer
Entwicklung zurückgeworfen und wieder dauerte es lange bis sie wieder fit war. Nun kam eine
lange Zeit in der Lisa überhaupt nicht zunahm. An Gedeihen war gar nicht zu denken, im
Gegenteil, sie nahm sogar ab und vertrug nun noch weniger Nahrung als vor der OP. Als sie
zwei Jahre alt wurde wog sie 8 kg. Sie konnte sitzen, sich hinstellen und sogar schon etwas
krabbeln. Sie erbrach sich häufig und immer öfter kam die Sonde dabei mit heraus. Es war kein
Problem für mich, eine neue Sonde zu legen, aber es kostete mich mehr und mehr Überwindung
diesen doch unangenehmen (qualvollen) Eingriff vorzunehmen.
6. Wie werden wir bloß die Strippe wieder los ?
Mit 2 ¾ Jahren erfolgte die inzwischen vierte Herzoperation. Diesmal kamen wir zwar recht
schnell aus dem Krankenhaus, aber die Genesung zu Hause zog sich sehr in die Länge. Drei Monate
brauchte sie noch intensive Pflege, bis es ihr endlich wieder gut ging. Ich war wild entschlossen,
sie nun richtig aufzupäppeln, damit sie wieder etwas dicker wurde. Dann wollte ich endlich diese
Sonde loswerden. Kein Bisschen nahm Lisa zu. Aber etwas anderes passierte. Auf einmal fing sie an
sich dafür zu interessieren, was wir ständig in unseren Mund steckten. Regelrecht neugierig war
sie darauf. Zuerst probierte sie es von meiner Fingerspitze und nach ein paar Tagen sogar vom
Löffel. Ich stellte fest, daß es ihr gar nicht herzhaft genug sein konnte. Sehr wenig und sehr
unregelmäßig bekam sie nun etwas vom Löffel zu essen, gerade so, wie es sich halt ergab, daß
wir alle zusammen am Tisch aßen.
7. Manchmal hilft nur noch die "Hau-Ruck-Methode"
Eines mittags passierte es dann, sie erbrach sich und die Sonde kam wiedermal mit raus. Ich hatte
so genug davon Lisa ständig gegen ihren Willen zu ernähren und auch so eine Abneigung gegen die
Prozedur des Sonde legens entwickelt, daß ich endlich mutig genug war zu sagen: iß oder laß es. Diese
Einstellung und vermutlich noch mehr die Tatsache, daß endlich der richtige Zeitpunkt gekommen war,
erleichterten es mir die nächsten Wochen durchzustehen. Sie aß wenig, sehr wenig und ich wagte nicht
sie auf die Waage zu setzen. Alle zwei Stunden bekam sie etwas. Manchmal aß sie ganz gut, manchmal
mit Widerwillen und manchmal nur mit Schreien und Toben. Regelrecht lächerlich fand ich den Rat,
den mir zu dieser Zeit eine Logopädin gab. Ich solle aufpassen, daß Lisa den Spaß am Essen nicht
verliert. Welchen Spaß ??? An manchen Tagen erbrach sie einmal, an vielen Tagen häufig und an ganz
wenigen Tagen gar nicht.
8. "oben ohne"
Drei Monate später hat Lisa 700g zugenommen. Die ersten 700g seit einem Jahr. Sie ißt Gemüse,
Obst, Pudding, Joghurt nur nicht so gerne Milchbrei, aber alles muß absolut fein püriert sein.
Sie kann auch schon ein bisschen aus der Tasse trinken. Sobald sie aber Krümel in den Mund
bekommt fängt sie an zu würgen. Sie weiß einfach nicht, was sie damit anfangen soll. Seit
einigen Tagen jedoch ist sie neugierig auf das, was wir knuspriges in den Mund stecken und
sie beißt herzhaft in Kekse und Müsliriegel. Das sie würgen und brechen muß nehme ich gelassen
hin, sie wird es wohl lernen, wenn erst mal der richtige Zeitpunkt gekommen ist!
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